X

INHALT


Als Armando von der Rückkehr seines Vaters erfährt, gerät sein geordnetes Leben aus der Bahn. Beide verbindet ein traumatisches Kindheitserlebnis, über das Armando nicht sprechen will. Nicht einmal mit Elder, einem kriminellen Straßenjungen, den Armando kurz zuvor kennengelernt hat und der sich zusehends in Armando verliebt. Um ihm zu gefallen und nah zu sein, ist Elder bereit, alles zu tun.

Basierend auf einer Geschichte von Guillermo Arriaga (AMORES PERROS, 21 GRAMM, BABEL) inszeniert Regisseur Lorenzo Vigas ein gewaltreiches Liebesdrama über Liebe und Zurückweisung, falsche Vaterfiguren und fatale Begierden. Das spannungsvolle Spiel in den Straßen von Caracas um zwei Männer aus verschiedenen Welten gewann 2015 bei den Internationalen Filmfestspielen Venedig den Goldenen Löwen.

ANMERKUNGEN
DES REGISSEURS

DESDE ALLÁ – AUS DER FERNE

Armando verfügt nicht über die Fähigkeit, emotionale Bindungen einzugehen. In gewisser Weise ist er Autist. Der Originaltitel des Films bezieht sich auf die Distanz Armandos zu den Objekten seiner Begierde, seiner „betrachten, aber nicht anfassen“-Attitüde.
Er bezieht sich aber auch auf den Abstand zum Objekt seiner Obsession, dem mysteriösen älteren Geschäftsmann. Die Idee, einen Film über einen Mann zu machen, der Probleme hat, emotionale Bindungen herzustellen, faszinierte mich.



DER FEHLENDE VATER

Seit meinem Kurzfilm LOS ELEFANTES NUNCA OLVIDAN beschäftigte ich mich mit den Konsequenzen des Vatertraumas. In dem Film ging es um die Rachegelüste zweier Geschwister gegenüber ihrem Vater, der sie misshandelt hat. CARACAS, EINE LIEBE betrachtet das Thema aus einer anderen Perspektive: Die Verbindung zwischen Armando und Elder wird nur enger durch das Fehlen des Vaters auf beiden Seiten bzw. der Schranke, die zwischen Armando und seinem Vater existiert. All diese Elemente sind Teil der psychologischen Komposition des Films.



VON DER ILLUSION ZUR WIRKLICHKEIT

Elder entfacht in Armando eine plötzliche Obsession. Vielleicht liegt es daran, dass Armando niemandem erlaubt, ihn zu berühren, und Elder sich dieses Recht einfach mit Gewalt nimmt. Von diesem Moment an unterliegt Armando der Illusion, er wäre fähig, eine enge emotionale Beziehung mit jemandem einzugehen. Aber kann das zur Realität werden? Elder ist ein junger Mann mit schier unkontrollierbarer Energie. Die beiden stammen aus zwei verschiedenen Welten, aber Armandos Abgeklärtheit und die Sicherheit, die er bietet, sind Dinge, die Elder zuvor nie kannte. Armandos Entscheidung, ihn aufzunehmen und sich um ihn zu kümmern, ist zweifellos eine Erfahrung, die Elder zum ersten Mal macht. Das entfesselt in ihm unbekannte Emotionen.



ALFREDO CASTRO ALS ARMANDO

Alfredo war unter allen lateinamerikanischen Schauspielern meine erste Wahl. Ich sah ihn in TONY MANERO und NO und dachte: Das könnte mein Armando sein. Als ich ihn dann persönlich traf, war ich mir absolut sicher. Alfredo verfügt über eine große emotionale Vielfalt und ist darüber hinaus auch fähig, all diese Gefühle zurückzuhalten. Und genau das habe ich gesucht. Nachdem er das Drehbuch gelesen und meinen Kurzfilm gesehen hatte, war er ganz versessen darauf, Armando zu spielen. Seine Beteiligung war essentiell für den Film, denn er hat auch viele eigene Ideen mit eingebracht.



LUIS SILVA ALS ELDER

Von dem Moment an, als ich Luis traf, wusste ich, dass er Elder spielen musste. Er hatte alles, wonach ich suchte: starke, animalische Impulse und eine gewisse Gerissenheit, wie sie die Kids von der Straße haben. Neben seinem natürlichen Charisma hatte er aber auch eine düstere Seite, etwas Leidvolles. Wir brauchten keinen Kameratest. Ich war mir sicher, dass er die Inkarnation von Elder war. Er war erst 19 Jahre alt, als wir drehten, konnte aber bereits auf ein großes Maß an Lebenserfahrung zurückgreifen. Er kannte das Leben auf der Straße, die Gangs und die Gewalt. Er kommt aus einer Gegend, die sogar noch schlimmer ist, als die im Film. Luis nahm seine Rolle sehr ernst. Ich glaube, er hat alles, was es braucht, um ein guter Schauspieler zu werden. Er ist enthusiastisch, präzis und scharfsinnig. Er muss noch viel lernen, aber sein Talent ist ebenso groß wie sein Herz.



EINE NATÜRLICHE SPANNUNG

Ich hatte keine Bedenken, einem erfahrenen Schauspieler einen Laien an die Seite zu stellen. Ich hatte Vertrauen, dass es funktioniert. Vor den Dreharbeiten ließ ich Alfredo und Luis nicht ein einziges Mal gemeinsam proben. Ich wollte, dass sie sich erst beim Dreh kennenlernen, denn ich wusste, es würde eine natürliche Spannung zwischen den beiden geben und die wollte ich festhalten. Wir versuchten, chronologisch zu drehen, sodass die Energie ihrer Beziehung sich vor als auch hinter der Kamera gleichzeitig transformieren konnte. Ich vermische gern professionelle Schauspieler und Laien. Es ist eine gute Möglichkeit, Spannung zu generieren. Es erlaubt den professionellen Schauspielern nicht, sich auch nur einen Moment lang auszuruhen. Das habe ich bereits in LOS ELEFANTES NUNCA OLVIDAN so gemacht.



WAS ALLE MENSCHEN TEILEN

Die soziale und wirtschaftliche Krise hat in Venezuela vieles verändert. Wir haben die höchste Inflationsrate der Welt, was zu einer immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich führt. Elder wird in Armandos Welt vor allem durch Geld gelockt. Doch diese finanzielle Anziehung wandelt sich in eine emotionale. CARACAS, EINE LIEBE spielt im heutigen Venezuela, aber die gleichen Motivationen könnten auch Figuren in anderen Ländern haben. Es ist das große Bedürfnis nach Zuneigung, das die beiden Figuren verbindet. Das ist etwas, was alle Menschen teilen.



EMOTIONALE BEDÜRFNISSE

Wir leben in einer Gesellschaft des Machismo. Elder ist anfangs ein junges Alpha-Männchen. Aber irgendetwas geschieht mit seinem Selbstbewusstsein, als er einen Mann trifft, der fähig ist, ihn anzugreifen. Dieses Erlebnis bringt ihn dazu, seine eigene Männlichkeit in Frage zu stellen und er wird zu einer Beta-Persönlichkeit. Auch wenn CARACAS, EINE LIEBE von Armando und Elder handelt, hat die Geschichte eine universelle Dimension – ganz ungeachtet des Landes, in dem sie spielt, oder des Geschlechts, dem ihre Figuren angehören. Hätte eine ältere Frau Elder all das angeboten, was ihm Armando anbot, hätte er sich wahrscheinlich in diese Frau verliebt. Die Beziehung, um die es in CARACAS, EINE LIEBE geht, dreht sich weniger um Sex als um emotionale Bedürfnisse. Es geht aber auch um queere Belange. Die meisten lateinamerikanischen Kulturen sind immer noch sehr konservativ was Homosexualität betrifft und Homophobie findet man in sämtlichen gesellschaftlichen Kreisen. Elder erlebt am eigenen Körper, welch verheerendes Ausmaß Homophobie annehmen kann.



DER VATER-KOMPLEX

Die Beziehung von Armando und Elder gleicht einer Vater-Sohn-Beziehung, geprägt von Zuneigung, Führung, Disziplinierung und Kontrolle. Elder spricht ausführlich über seinen Vater, während sich Armando dahingehend in Schweigen hüllt. Im Film wird er schließlich von seiner Vergangenheit eingeholt. Man ahnt, dass es in seiner Kindheit diesen einen Moment gibt, der irgendwie mit seinem Vater zu tun hat, und der ihn nicht mehr loslässt. Ein Moment, der Armando für sein Leben geprägt hat, indem er ihm einen Madonna-Hure-Komplex gegeben hat. Sein Vater ist für ihn nicht nur eine Pein, er ist auch seine Obsession. Er ist vollkommen abhängig von ihm. Die Frage ist: Wie kann er sich befreien?



DIE STRASSEN VON CARACAS

Es war mir sehr wichtig, Caracas in seiner sozialen Komplexität zu zeigen. CARACAS, EINE LIEBE zeigt alle sozialen Schichten Caracas’, von den armen “Bloques” von Caricuao bis zu den Vierteln der wohlhabenderen Leute. Und dazwischen: “La Candelaria”, die Gegend, in der Armando wohnt. Es ist eins der Mittelklasse-Viertel, das zu einem Viertel für Geringverdiener wurde. Durch die schwere Wirtschaftskrise hat Caracas wie auch die gesamte venezolanische Infrastruktur sehr gelitten.



WIE EIN GEIST

Ich wollte das gesamte Leben auf den Straßen Caracas’ im Film einfangen, diese besondere Energie. Ich wollte diese Gelegenheit nutzen, um Armando als Geist zu repräsentieren: fast unsichtbar, umgeben von Leuten. Wenn er durch die Straßen läuft, ist er körperlich präsent, in seinen Gedanken und Gefühlen aber ist er gefangen in der Vergangenheit. Er ist da und zur gleichen Zeit auch nicht. Die Herausforderung lag darin, dass Alfredo nicht zu fremdartig und deplatziert wirkt. Wir haben ihn viel die Leute auf den Straßen beobachten lassen. Durch Schärfeverschiebungen konnten wir ihn in den Fokus der Wahrnehmung rücken und ihn auch wieder herausholen.



KAMERAMANN SERGIO ARMSTRONG

Mit dem Kameramann Sergio Armstrong (EL CLUB, NO) begann die Arbeit schon lange vor dem Dreh. Sergio ist gern in alle Abläufe involviert. Das beginnt bereits bei den Entscheidungen bezüglich Besetzung, Kostümen, etc. Wir haben ausgiebig darüber gesprochen, wie wir Armando filmen wollten – wie einen Geist, der durch die Straßen Caracas’ läuft. Am Set schlug Sergio immer Kamerapositionen vor und hat viele meiner Ideen bezüglich der Bildkomposition hinterfragt. Fotografie war immer wichtig in meinem Leben und ich bleibe gern nah an der Kamera. Sergio hat einen guten Sinn fürs Erzählerische, was sehr wichtig für den Film ist.



DER DREH

Der Film wurde innerhalb von neun Wochen gedreht. Mein venezolanischer Produzent Rodolfo Cova stellte ein mittelgroßes Team zusammen, von dem jeder sein Bestes für den Film gab. Wir haben alle sehr eng zusammengearbeitet und unsere Arbeit ganz in den Dienst des Films gestellt. Es war ziemlich anstrengend. Manchmal entstehen die besten Darbietungen genau dann, wenn der Schauspieler bereits sehr ausgelaugt ist. Und am Ende bestand ein sehr enges emotionales Band zwischen den beiden Schauspielern Alfredo Castro und Luis Silva und mir.



PRODUKTIONSTEAM

Ich hatte großes Glück mit dem Team, das mich mit viel Geduld unterstützte. Wir waren alle gut befreundet und beobachteten, wie sich der jeweils andere als Filmemacher entwickelte. Ich schrieb das Drehbuch basierend auf einer Geschichte von Guillermo Arriaga (AMORES PERROS, 21 GRAMM, BABEL). Guillermo half mir, meine Obsessionen aufs Papier zu bannen. Er hat außerdem meinen Kurzfilm LOS ELEFANTES NUNCA OLVIDAN produziert, was mir die Möglichkeit gab, nach Cannes zu gehen. Die Produzenten Michel Franco und Gabriel Ripstein kenne ich bereits seit einer Weile. Seit Langem diskutieren wir gemeinsam unsere Drehbücher, Drehentscheidungen usw. Den venezolanischen Schauspieler Edgar Ramirez (CARLOS – DER SCHAKAL) kenne ich auch schon sehr lange. Er war voller Begeisterung für das Projekt und hat den Film in vielerlei Hinsicht unterstützt.



ELTERNSEIN

CARACAS, EINE LIEBE ist der zweite Film einer Serie über das Elternsein. Der erste war mein Kurzfilm LOS ELEFANTES NUNCA OLVIDAN. Ich arbeite bereits seit zwei Jahren zusammen mit Paula Markovitch an dem Drehbuch für einen Film namens THE BOX. Diesen Film will ich in Mexiko drehen, wieder mit den Produzenten Michel Franco und Gabriel Ripstein. Das Thema des Elternseins beschäftigt mich sehr und CARACAS, EINE LIEBE ist das Ergebnis dieser Obsession. THE BOX wird das letzte Kapitel bilden.